Geschichte der Liebenscheider Kirche

Herzlich Willkommen in unserer Liebenscheider Kirche, die den Mittelpunkt unserer Ev. Kirchengemeinde hier in Liebenscheid und Weißenberg darstellt.
Momentan besteht unsere K02 (2)irchengemeinde, zu der die Orte Weißenberg und Liebenscheid gehören, aus ungefähr 520 Gemeindegliedern.
Pfarramtlich verbunden sind wir mit den Kirchengemeinden Rabenscheid und Neukirch. Zur Neukirch gehören die Orte Stein, Neukirch, Löhnfeld, Bretthausen, Willingen und Salzburg.
In ihren Ausmaßen ist unsere Kirche sehr bescheiden, nur der kleine Turm lugt etwas über die Dächer hervor.
Die Umstände haben die Menschen im Hohen Westerwald offensichtlich zu Bescheidenheit erzogen. Und diese drückt sich auch in der Liebenscheider Kirche aus:
Eine Dorfkirche eben. – Aus heimischem Basalt errichtet. – Bodenständig.

Unsere kleine Dorfkirche: Ein Haus Gottes und gleichzeitig Ausdruck des Selbstverständnisses der Menschen, denen sie dient: Ein Miteinander von Glauben und Heimatverbundenheit.

Davon zeugt auch eine alte Postkarte, auf der Kirche und Gastwirtschaft nebeneinander abgebildet sind:

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In unserer Kirche wird wöchentlich, bedingt durch die pfarramtliche Verbundenheit mit den Kirchengemeinden Rabenscheid und Neukirch, im Wechsel entweder samstagabends um 18.00 oder 19.00 Uhr, oder sonntags um 9.15 oder 10.45 Uhr Gottesdienst gefeiert. Sonntags um 13.00 Uhr feiern wir hier Kindergottesdienst und auch unser Posaunenchor übt in der Kirche.

Bevor ich Ihnen etwas zur Geschichte unserer Kirche erzähle, einige kurze Anmerkungen zur Geschichte unseres Kirchspiels:

Das spätere Kirchspiel Liebenscheid gehörte bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts zur Haigerer Kirche, die Teil des Bistums Trier war. Mit dem Übergang an das Haus Nassau wurde wohl im Jahr 1323 Liebeschied dem Kirchspiel Neukirch zugehörig. Das kirchliche Leben wurde in jener Zeit durch die vielen Klöster bestimmt. Das mönchische Leben machte auf die Bewohner des We­sterwaldes großen Eindruck. Sie folgten gutem Einfluß ebenso wie den vielen Verirrungen. Graf Heinrich III. von Nassau­-Beilstein, der selbst mehrere wichtige Kirchenämter be­kleidete, veranlasste 1452 den Bau einer Kirche in Liebenscheid und bestellte zu ihrer Verwaltung einen Kaplan. Die Stiftungsurkunde der Kapelle ist auf den 1. Mai 1452 datiert. Ihr ist zu entnehmen, dass die Kapelle Maria, dem heiligen Antonius, dem heiligen Sebastian und dem Heiligen Jo(i)st gewidmet war. Die Namen der Geistlichen, die bis zur Reformation hier Dienst taten, sind nicht bekannt.

Um 1550 dürfte wohl die evangelische Leh­re in den Kirchspielen Liebenscheid und Neukirch eingeführt worden sein. Adam Schweizer, ein geborener Liebenscheider, der in Wittenberg seine Studien beendete, hat in seinem heimatlichen Kirchspiel für die Einführung der Reforma­tion gewirkt. Unter Arnold Hermanni (1561 – 1570) dürfte sich die lutherische Lehre durchgesetzt haben.

Interessant zu lesen ist das Protokoll einer Kirchenvisitation vom 31. August 1563. Es gibt ein wenig Aufschluß über das kirchliche Leben in jener Zeit:

Klagen des Pfarrers:
1. Die Abgaben der Gemeindeglieder, die für seinen Lebensunterhalt bestimmt waren, werde ihm selten über die Hälfte entrichtet.
2. Außerdem verweigerten ihm die Menschen des Kirchspiels im Frühjahr den eigentlich selbstverständlichen Dienst mit ihren Pfer­den und Pflügen.
3. Die Gemeindeglieder, so beklagt er, gehen unfleißig zur Kirche, oder bleiben, wenn sie kom­men, auf dem Kirchhof vor der Kirche stehen, oder laufen zur Unzeit während des Gottesdienstes wieder aus der Kirche.

Die Gemeindemitglieder der Neukirch beklagen sich im Rahmen dieser Visitation:
1. Der Pfarrer, der doch immer auf der Neukirch gewohnt habe, weigere sich, im dortigen Pfarrhof zu wohnen, der deshalb verfalle.
2. Mit des Pfarrers Leben und Wandel sei man zufrieden.
3. Auf die Klage des Pfarrers, das Kirchspiel weigere sich ihm im Frühling mit ihren Gespannen zu dienen, erklärte man, sobald dieser den Pfarrhoff zu Neukirch wie­der bewohne, wollten man ihm jene Dienste selbstverständlich wieder tun.

Bei dieser Visitation wurde das noch vollständige Inventar für den katholischen Gottesdienst aufgenommen und dabei angemerkt, der Graf von Beilstein habe alles, was einigen Wert besaß, nach Beilstein holen und zu seinen Gunsten verkaufen lassen. Darunter befanden sich: 1 silberner übergoldeter Kelch, 1 silberne übergoldete Patene, 1 kleine silberne Monstranz, 1 kupferne übergoldete Monstranz, ferner 9 in Gold gefaßte Heiligtumsstücke und mehrere Meßge­wänder. (Eine Montranz ist ein kostbares, mit Gold und Edelsteinen gestaltetes Schaugerät mit einem Fensterbereich, in dem eine geweihte Hostie zur Verehrung und Anbetung gezeigt wird.)

Bis zum Jahre 1570 war in den nassauischen Gegenden des We­sterwaldes unumschränkt das lutherische Bekenntnis in Geltung. Um das Jahr 1579 wurde unter dem Grafen Johann dem Älteren in allen Landesteilen die reformierte Lehre eingeführt. Die reformierte Lehre hielt sich dann bis zur Bildung der Union 1817.

Graf Johann verfügte die Zusammenlegung der Pfarreien Lieben­scheid und Neukirch, so dass der Ort 1570 ein Filialort der Neu­kirch wurde. Die Liebenscheider Einkünfte kamen nach der Zusammenlegung dem Neukircher Pfarrer zugute, er war jedoch hierfür verpflichtet, in Lie­benscheid „alle Sonntage vormittags morgens frühe oder nachmittags eine Predigt zu halten, an allen Mittwochen auch eine, es sei Winter oder Sommer.“ Diese Vereinigung, die 185 Jahre bis 1755 dauerte, führte zu vielen Unregelmäßigkeiten, vor allem im Winter. Die Pfarrer wohnten in dieser Zeit fast durchweg auf der Neu­kirch.

Bei einer Visitation am 12. Juli 1570 klagte der Pfarrer, dass die Gemeinde nicht zum Katechismusunterricht komme. Die Gemeindeglieder hatten bei der Visitation über Leh­re und Amtsverrichtung nicht zu klagen, machten dem Pfarrer aber den Vorwurf, er verstehe nicht zu sparen. Allerdings sei er kein Trinker.

In der folgenden Zeit wird Liebenscheid in der Kirchenchronik nicht mehr besonders erwähnt. Allerdings weiß man aus dem Jahr 1589, dass in Liebenscheid 17 Häuser und in Weißenberg 11 Häuser gezählt wurden. Während des Dreißigjährigen Krie­ges wurde das Kirchspiel zeitweilig von Emmerichenhain aus ver­sorgt. Aus einer Notiz um das Jahr 1671 erfahren wir, dass in Lieben­scheid 12 reformierte Familien, in Weißenberg 5, darunter ein katho­lischer Mann, wohnten. In diese Zeit fällt die Wirksamkeit des Pfarrers Valentin Muzelius (1670 – 1683). Von ihm berichtet die Chronik, dass er, als eine Kommission 1671 zur Visitation ins Pfarr­haus kam, zwar eine Feder hinter dem Ohre stecken hatte, aber kei­ne Tinte im Hause war. Schon damals dürfte der Wunsch bestanden haben, daß die Pfar­rei Liebenscheid wieder selbständig werde.

Am 15. 11. 1755 wurde die Trennung der Pfarrei Liebenscheid von der Neukirch verfügt und die Anstellung eines eigenen Pfarrers ausgesprochen. Damit der Pfarrer sein Auskommen hatte, wurde der Lehrer Jonas Menk entlassen und die Schulstelle samt ihren Einkünften dem Pfar­rer zugesprochen. Außerdem genoss er freie Wohnung im Schulhaus nebst einem Garten.

Von 1775 – 1777 wurde Liebenscheid wieder von Neukirch aus versehen. Der damalige Pfarrer wollte in Liehen­scheid nur dann weiter Dienst tun, wenn er entsprechend dafür ent­lohnt würde. Auf seine Bedingungen konnte Liebenscheid nicht ein­gehen. Darum entschloss sich die Gemeinde, das Haus des nach Ame­rika auswandernden Landmannes Schneider als Pfarr- und Schul­haus anzukaufen und einzurichten. 1777 zog Pfarrer Regenbogen dort ein, nachdem man ihm allerdings angeordnet hatte, in Liebenscheid nicht zu heiraten. Das Gebäude diente bis 1898 als Pfarrhaus, dann wurde das jetzige Pfarrhaus gebaut.

Auf einer Generalsynode zu Idstein im Taunus vereinigten sich am 31. 10. 1817 die Lutheraner und die Reformierten des Herzogtums Nassau zu der unierten Evangelischen Kirche in Nassau. Am 24. 9. 1822 brannte das Pfarrhaus in Neukirch ab und der Liebenscheider Pfarrer musste diese Gemeinde mitverwalten.

Jetzt zur Kirche selbst:

Nach etwa 300jährigem Bestehen mußte die an dieser Stelle im Jahr 1452 erbaute Kapelle, die 1714 eine gebrauchte Orgel erhalten hatte, zwischen 1750 und 1760 abgerissen werden. 1765 wurde an der Stelle der ersten Kapelle die jetzige Kirche erbaut (es gibt Stimmen, die behaupten, dazu seien die Steine der Schlossruine verwendet worden). Das Konsistorium bewilligte zu diesem Zwecke eine Kollekte im „In- und Auslande“. Es verfügte ferner, dass zur Bestreitung der Bauschuld der Gemeinde die Kirchensteuer als zinsloses Darlehen überlassen werden sollte. Die Einweihung der neuen Kirche erfolgte am 21. September 1766, als erster Pfarrer wur­de A. Ch. Reiher berufen.

In einem Aufsatz der „Wäller Heimat“ bezeichnet Autor Hermann Josef Hucke die Kirche in Liebenscheid als „Schmuckstück“.
KircheL 0006Eine wuchtige Basaltmauer umschließt teilweise den schönen Saalbau mit Walmdach und Türmchen. Es handelt sich bei unserer Kirche um eine typisch protestantische Predigtkirche, dafür steht das ostseitig angeordnete Ensemble von Altar, Kanzel und Orgel. Die Kirche ist innen recht einfach ausgestat­tet, auf jeglichen Prunk hat man verzichtet. Auffallend die umlaufende Empore auf Rundstützen. Zwei hohe Spitzbogenfenster rahmen diese Kombination ein.  An den Längsseiten wird das Mauerwerk durch drei Fenster aufgebrochen. Die Rückwand ist fensterlos; Giebel und der hier plazierte Turmaufbau sind verschiefert. Bemerkenswert ist der im Original erhaltene Steinfußboden in Fischgrätmuster, der ein Stück des Bodens der ersten Kapelle von 1452 darstellte. Bei Renovierungsarbeiten stieß man 1976 auf diese Pflasterung, die angehoben und in den jetzigen Fußboden integriert wurde. Eine Spiegeldecke schließt den Kirchenraum zum Dach hin ab.

1836 erhielt unsere Kirche einen neuen Turm, den bis heute ein Kreuz mit einem posauneblasenden Engel schmückt. Silvester 1837 läuteten zum ersten Male zwei neue Glocken. Um das Jahr 1850 wurde der Friedhof an der Kirche mit einer Mauer umgeben.

Um 1875 hat sich die Kirchengemeinde gespalten. Es bildete sich eine freikirchliche Gemeinde, deren Mitglieder wohl zunächst noch in der Ev. Kirche blieben, ihre Gottesdienste aber in den Häusern abhielten.
Die im Jahre 1714 gekaufte gebrauchte Orgel wurde 1881 durch eine neue ersetzt.
Unter Pfarrer Hause kam es im März 1909 zu einer Erweckung und zur Gründung einer kirchlichen Gemeinschaft. Durch Pfarrer Hofmann wurde Anfang des 20. Jahrhunderts der Missionsgedanke hier bei uns beson­ders gefördert (1901-1908), der auch heute noch in den jährlichen Missionsfesten zum Ausdruck kommt. In diese Zeitt fällt auch die Gründung unseres Posaunenchores, der sich über manche Krisen hinweg gerade heute wieder an eine be­sondere Aufgabe gestellt weiß.

Zu Beginn des letzten Krieges mußte die 2. Glocke abgeliefert werden. Im Jahre 1949 wurde eine Haussammlung für eine neue Glocke durchgeführt. Ihre Einweihung fand am 22. Januar 1950 statt. 1958 konnte eine elektrische Läuteanlage installiert werden.

Unsere Kirche hat übrigens zwei Eingänge, einen für die Gemeindemitglieder aus Liebenscheid, der zweite für die Gemeindeglieder aus Weißenberg. Über der Weißenberger Türe weist die Jahreszahl 1895 wohl auf die Errichtung dieser zweiten Tür hin.

Eine wahre Geschichte:
Als die Weißenberger Tür einmal zur Zeit, als man noch mit einem großen Kohleofen die Kirche heizte, geschlossen blieb, um die Kälte, die bei einem Durchzug entstanden wäre, aus der Kirche fernzuhalten, hat sich ein Gottesdienstbesucher aus Weißenberg, der zu Fuß zum Gottesdienst gekommen war, umgehend wieder auf den Heimweg gemacht. „Seine“ Tür war schließlich verschlossen

1975 wurde unser Ev. Gemeindezentrum eingeweiht.

Noch einige Bemerkungen zum Innenraum:
Bei Innenrenovierrungsarbeiten in den Jahren 1976/1977 wurde dieser wahrscheinlich älteste Teil Liebenscheids gefunden. Es handelt sich um ein Stück des originalen Fußbodens der Antoniuskapelle aus dem Jahr 1452 im damaligen Leubenschiet oder Lewenscheid. Er ist im romanischen Fischgrätmuster erstellt worden. Der Fisch, griechisch „ICHTÜS“ war ein sogenanntes frühchristliches Akrostichon (eine Art Kreuzworträtsel). Die griechischen Buchstaben des Wortes FISCH = ICHTYS sind die Anfangsbuchstaben für den Satz: „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser“.

An der Kirchenwand hängen zwei Sarggriffe:
Diese massiven, schmiedeeisernen Sarggriffe stammen von 5 Bestattungen unter dem Altar, die ebenefalls bei den Renovierungsarbeiten 1976/1977 freigelegt wurden. Die relativ gut erhaltenen Skelette der unbekannten Verstorbenen sind unverändert liegen gelassen worden. Über den Gräbern war der alte Boden von 1452 aufgegraben worden, so dass anzunehmen ist, dass sie nach 1765 bestattet worden sind. Interessant ist auch, dass sie in Ostrichtung blickend begraben liegen – in Richtung Jerusalem schauend.
Und zuletzt ein Hinweis auf die teilweise beschädigten Säulen unseres Kirchenschiffes: Eindeutig ist nicht zu klären, wer diese Beschädigungen zu verantworten hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um Spuren französischer Säbel, die Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts (während der sogenannten Koalitionskriegen) den Westerwald plündernd heimsuchten.
In der Chronik der Kirchengemeinde Neukirch ist dazu vermerkt:
„Bei mehrmaligem Vorrücken und Rückzug der Franzosen durci die hiesige Gegend in den Jahren 1796 folgende wurdden jedesmal die Dörfer ausgeplündert und die Einwohner auf vielfache Art misshandelt. Am 04. Juni 1796 wurde die Kirchspielskirche inwendig gänzlich zerstört, Kanzel, Emporen, Stühle, Altar und alles darin befindliche Holzwerk herausgenommen und verbrannt. … Der damalige Prediger Johann Wilhelm Bartmann wurde bis auf die Unterwäsche ausgezogen und musste sich so halbnackt, verfolgt von einigen franzosen, nach Liebenscheid flüchten.

Der Taufschalenständer wurde von einem Gemeindeglied gefertigt, die Altarbibel wurde uns von der mit uns pfarramtlich verbundenen Kirchengemeinde Rabenscheid anlässlich des Jubiläums „250 Jahre eigenständige Kirchengemeinde Liebenscheid“ im Jahr 2005 geschenkt.

Abschließend möchte Ihren Blick noch auf ein Bild unserer Kirche, das hinten an der Kirchenwand hängt, lenken.
Dieses Bild sowie eine Patchworkarbeit, die oben auf der Empore zu sehen ist und während eines Gottesdienstes in ihrer Rohform entstand, sind Ausdruck unseres Gemeindeverständnisses:
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Genau so wie sich das Bild der Kirche aus mehr als 2000 kleinen Bildern aus unserem Gemeindeleben zusammensetzt, so die Patchworkarbeit aus einzelnen Teilen, die Gemeindeglieder zusammengetragen und zusammengestellt haben. Gemeinde und d.h. für uns auch Kirche ist kein Gebäude oder irgendeine von irgendeiner Kirchenleitung definierte Gruppe, sondern Gemeinde entsteht nur, wo Menschen ihren Glauben an Jesus leben und ihre Begabungen in die Gemeinschaft einbringen. Dann stellt Gemeinde ein buntes Bild dar! Jeder einzelne ist unverzichtbares Teil von Gemeinde

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