Liebe Gemeinde,

eigentlich feiern wir an Gründonnerstag einen Abendmahlsgottesdienst.

Aktuell ist es jedoch anders. Die Kirchen bleiben geschlossen, die Gemeinde bleibt zu Hause. Das ist ungewohnt, für viele auch bedrückend.
Manche sagen zu mir: „Ausgerechnet jetzt, wo wir den Gottesdienst so besonders nötig hätten.“ Ich empfinde es genauso. Schließlich bilden die Tage von Gründonnerstag bis Ostern den Höhepunkt des ganzen Kirchenjahres.
Aber uns ist bewusst, dass die Einschränkung notwendig ist, da wir uns in einer absoluten Ausnahmesituation befinden.

Ebenfalls dramatisch, wenn auch ganz anders, war die Situation damals in Jerusalem, als Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl feierte. Die Spannung war damals gleichsam mit Händen zu greifen.

Leonardo da Vinci etwa hat das höchst anschaulich dargestellt. Auf dessen berühmtem Gemälde „Das Abendmahl“ gestikulieren die Jünger wild durcheinander, während Jesus eher in sich gekehrt scheint und das Brot unter den Jüngern verteilt.
Das Teilen von Brot und Wein war und ist ein fester Brauch am Vorabend des Passafestes, das an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten erinnert.

Der hebräische Name des hohen Festes lautet Pessach. Das bedeutet „Vorüberschreiten“ oder auch „Verschonen.“

Davon berichtet das 2. Buch Mose im 12. Kapitel in den Versen 1-14:

Der Herr aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen. Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen. So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des Herrn Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der Herr. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

 

Es ist eine fremde Welt, die uns hier vor Augen geführt wird: Opferlämmer, ein geheimnisvoller Blutritus, der Unheil abwehren soll. Gott bringt in einer Art Epidemie Verderben über die Erstgeborenen Ägyptens, um den hartnäckigen Trotz des Pharao zu strafen und zu brechen. Nur die Söhne der Israeliten bleiben verschont. Nur sie erleben Passah.

Das alles lässt uns die Geschichte vom ersten Passahfest bedrängend nahe rücken. Denn auch wir erleben gegenwärtig eine Epidemie ungeahnten Ausmaßes, die tief in unser Leben eingreift. Anders als damals in Ägypten ist aktuell die Ausbreitung des Coronavirus heute nicht auf eine bestimmte Personengruppe oder ein einzelnes Volk beschränkt. Die Ansteckungskette verläuft mittlerweile um den ganzen Globus.

Und anders als in dem Text aus 2. Mose 12 erscheint es mir nicht angebracht, in der Corona-Krise eine Strafe Gottes zu sehen. Manche fundamentalistische Kreise deuten sie so, als eine Vergeltungsmaßnahme Gottes wegen des Unglaubens der  Menschen. Nein, Covid 19 ist keine Strafe Gottes. Dennoch hat es uns meiner Ansicht nach durchaus etwas zu sagen. Es lehrt uns, wie verwundbar unser Leben doch ist. Ein winziges Virus legt die Grenzen unserer menschlichen Möglichkeiten offen und das gesellschaftliche Leben weitgehend lahm, von den Auswirkungen auf die Wirtschaft und den weltweiten Finanzmarkt ganz zu schweigen.
Wenn wir all dem ungeachtet all des damit verbundenen Unheils etwas Gutes abgewinnen wollen, dann doch dies, dass uns die Geschehnisse ein wenig demütiger machen können. Zugleich verweist sie uns auf Gott, den Schöpfer, Retter und Erlöser allen Lebens.

Das Volk Israel hat in der Passahnacht und beim Auszug aus Ägypten seinen Gott als Helfer und Retter erfahren. Und diese Erfahrung hat es fortan begleitet und getragen – durch die Höhen und ganz besonders auch durch die Tiefen seiner sehr wechselhaften Geschichte. Der Auszug aus Ägypten war und ist bis heute Israels Grunderfahrung geblieben, die immer wieder auftaucht, erinnert wird, beispielsweise im Zusammenhang der 10 Geboten, wo es beim 1. Gebot heißt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe!“. Eine Grunderfahrung, die in jedem Jahr neu vergegenwärtigt wird: „Jede Generation möge sich so ansehen, als ob sie selbst aus Ägypten ausgezogen wäre.“, heißt es im Talmud.

 Was für das Volk Israel die Tradition vom Auszug aus Ägypten ist, das ist für uns als Christen die Überlieferung von Jesu Tod und Auferstehung.
Und auch wir halten es so, dass wir diese Überlieferung Jahr für Jahr erinnern und das damals Geschehene so mitzuerleben versuchen, als wären wir dabei.

Wir sitzen gleichsam mit den Jüngern am Tisch beim Abendmahl.

Wir stehen mit ihnen am Fuß des Kreuzes.

Wir begleiten die Frauen am Ostermorgen auf ihrem Weg zum Grab.

Wir sind eben keine bloßen Zuschauer des Geschehens, sondern nehmen an ihm teil, auch weil es uns gilt, auch für uns geschehen ist. Denn was damals geschah, ist nicht tote Vergangenheit. Für uns ist es lebendige Gegenwart, weil sich darauf unser Leben und unsere Hoffnung gründen. Die Hoffnung, dass Jesus Christus den Tod überwunden hat. Dass er in den Zeichen von Brot und Wein auch heute gegenwärtig ist. Und dass um seinetwillen nicht Angst und Dunkelheit das letzte Wort behalten werden, sondern die Liebe Gottes.

 

Normalerweise feiern wir diese Hoffnung im gemeinsamen Gottesdienst. In diesem Jahr bleibt uns dies verwehrt.

Vor Tagen titelte die größte deutsche Boulevard-Zeitung: „Ostern, wie es immer war, fällt aus.“ Und das stimmt: Keine gemeinsamen Gottesdienste. Keine Feier der Osternacht. Kein Osterreiseverkehr. Keine Verwandtschaftsbesuche. Das bedeutet aber nicht, dass die Feiertage deshalb ausfallen. Wir können den Verzicht als eine Chance sehen, das Fest einmal ganz anders zu begehen als sonst. Vielleicht in der Weise, dass wir die Berichte in den Evangelien von Jesu Tod und Auferweckung ganz im Stillen für uns lesen. Und dass wir diese Berichte dann mit hineinnehmen in unser Gebet für alle einsamen, kranken und bekümmerten Menschen. Wir können dies in dem Bewusstsein tun, dass es viele andere Christen in ihren Häusern und Wohnungen ebenso halten werden. Daraus erwächst eine innere Verbundenheit, die die äußere zwar nicht ersetzen kann, aber die gleichwohl stärkt und ermutigt.

Das Fest fällt nicht aus. Mag sein, dass Corona keine Feiertage kennt, aber wir kennen sie und lassen sie uns nicht nehmen.

Und wir dürfen uns an die Gewissheit halten, die Martin Luther King einmal so ausgedrückt hat:

„Komme, was mag. Gott ist mächtig! Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“

(unter Aufnahme von Gedanken von Dr. Arndt Hermann, Würselen)

 

Hier finden Sie eine kleine Liturgie für eine Abendmahlsfeier zu Hause!